Die Realität von Anfechtungstatbeständen

Der Preis, der uns gerade für unsere finanzmathematischen Analysewerkzeuge verliehen wurde brachte mich dazu, mir mal ein paar Gedanken über die vermeindliche Wirklichkeit von Analysen von Buchhaltungssystemen zu machen. In den vergangenen Jahren haben wir eine wirklich große Zahl von Buchhaltungssystemen analysiert. Unsere Betrachtungen dabei sind jeweils absolut wertneutral. Insbesondere urteilen wir nicht. Die von uns gelieferten Analysen können gleichermaßen für die Anfechtung, die Sanierung als auch allgemein für die Betrachtung von buchhalterischen Zusammenhängen verwendet werden.
Eine Sache ist mir dabei immer wieder sehr stark aufgefallen: Überaus häufig findet man Auffälligkeiten, aus denen sich etwas konstruieren läßt. Ich möchte damit sagen, dass es dem planerisch vorgehenden Rabulisten mit den neuen Methoden annähernd jederzeit möglich ist, Zusammenhänge zu konstruieren und plausibel erscheinen zu lassen, die in der Realität tatsächlich nicht vorhanden sind. Der redliche Analytiker wird potentiell erkannte Auffälligkeiten nicht so ohne weiteres als Wahrheit in einem bestimmten Sinne interpretieren. Vielmehr verlangt die redliche Betrachtung immer noch die Detailanalyse. Damit möchte ich sagen, dass die Datentechnik auch komplexe Zusammenhänge aufdecken kann, der Mensch und sein Intellekt jedoch im Nachgang gefordert sind, um festzustellen, ob das auf technischem Wege ermittelte überhaupt real oder von Bedeutung ist.
Die in meinen Augen schwerste Lüge ist nicht die Falschbehauptung, denn diese läßt sich oft genug widerlegen. Schwerer wiegt dagegen das Weglassen gegenläufiger Informationen. Dies gilt auch bei der finanzmathematischen oder buchhalterischen Analyse. Es ist häufig möglich, kristallklare Aussagen zu treffen und diese mit episch umfangreichem Argumentationsmaterial zu unterfüttern, so dass nicht nur der Normalsterbliche, sondern auch die meisten Fachleute von der Glaubwürdigkeit und Unangreifbarkeit überzeugt sind, die gegebenenfalls klitzekleine Zusatzinformation, die das Argumentationsgebäude zum Einsturz bringt, wird jedoch weggelassen. Dies halte ich für sehr gefährlich. Alleine der Computereinsatz sowie umfangreiches Argumenationsmaterial, das die Richtigkeit einer Analyse belegt, beweist ersteinmal schlicht gar nichts. Die entscheidende Frage ist ganz einfach: Hält die Beweisführung auch einer kritischen Überprüfung stand? Eine kritische Prüfung darf sich dabei nicht alleine auf die vorgelegte Beweisführung stützen. Die kritische Prüfung stellt eigene Betrachtungen an:

  • Sind alle Informationen in die Analyse eingeflossen?
  • Sind Belege oder Beweise, die die Schlussfolgerungen widerlegen, weggelassen worden?
  • Wurden in die vorhandenen Daten Extrapolationen eingepflegt, um Datenlücken aufzufüllen?
  • Sind die Annahmen –  auf denen diese Extrapolationen basieren – unangreifbar (gerichtsfest)
  • Ist die Argumentationskette chronologisch korrekt?

Kleinste Weglassungen oder Umsortierungen in der chronologischen Abfolge können einen Sachverhalt tatsächlich vollkommen auf den Kopf stellen. Ein Gegenbeweis kann in einen Beweis verkehrt werden.
Mit unseren Analysen versuchen wir zu objektivieren. Dort, wo wir Probleme sehen, weisen wir darauf hin, auf gegenläufige Beweise weisen wir besonders hin. Extrapolationen nehmen wir nur höchst ungerne vor, stellen ihre Problematik dabei dann jedoch besonders heraus.
In diesem Sinne möchte ich nur sagen, dass eine epische Beweisführung alleine gar nichts sagt, denn vielleicht ist sie nur ein Kartenhaus. Leider ist es jedoch so, dass derjenige, der mit einem gegen ihn gerichteten Beweis konfrontiert wird, genau diese Beweisführung in ihrem gesamten Umfang prüfen muss, um die Angriffspunkte zu finden.
Um es einfach zu sagen: Der Einsatz von Datentechnik besagt gar nichts; nur der redliche Einsatz ist ethisch akzeptabel, mit unredlichem Einsatz können Beweise „erzeugt“ werden, gegen die der „normale Bürger“ chancenlos ist.

In diesem Sinne: immer kritisch sein, auch wenn es anstrengend ist

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